Essstörungen bekämpfen in Salzburg

Magersüchtige sieht sich dick im Spiegel

Magersucht - eine Modekrankheit?

Beschreibungen des Krankheitsbildes Magersucht (Anorexie) gibt es seit langer Zeit. Ein berühmtes Beispiel ist Sisi, die Frau von Kaiser Franz Josef von Österreich, aus dem vorigen Jahrundert. In den letzten Jahrzehnten ist ein Anstieg dieser Erkrankung beschrieben worden (Herpertz-Dahlmann B., Büher K. & Seitz J. :Nervenarzt 2011:82i1093 Kindliche und adoleszente Anorexia nervosa).

Im Prinzip unterscheidet man drei Arten an Essstörungen:

 Anorexia nervorsa (Magersucht)

 Bulimia nervosa (Brechsucht)

 Binge-Eating-Störung (Essanfälle)

Was ist Anorexie?

Simpel gesagt, handelt es sich um erkrankte Personen (zum allergrößten Teil sind sie weiblichen Geschlechtes), die sich in voller Absicht und unter Qualen auf ein extrem niederiges Körpergewicht herunterhungern.  Dies wird durch drastische Maßnahmen wie strengste Diäten und/oder absichtlich herbeigeführtes Erbrechen nach einer Mahlzeit erreicht. Es werden Appetitzügler und Substanzen eingenommen, die Durchfälle erzeugen. Bewegung und Sport werden übermäßig und zwanghaft ausgeübt. Der Alltag unterliegt strengster Kontrolle, die darauf ausgerichtet ist, Gewicht zu verlieren, bzw. Untergewicht zu halten.  Die Beschäftigung mit Essen/Nicht-Essen ist das Hauptthema im Leben der Betroffenen und wird in schweren Fällen überhaupt zum Lebensinhalt, einhergehend mit dem Verlust sozialer Kontakte und einer normalen Lebensführung.

Die Betroffenen leiden an einer krankhaften Angst, an Gewicht zuzunehmen. Dazu kommt eine Körper-Schemastörung,  d. h., der Körper wird hinsichtlich des Aussehens sensibler Körperteile (Bauch, Schenkel, Busen) nicht der Realtität entsprechend als unterernährt, sondern  als unförmig fett angesehen. Das gesamte Denken kreist um Essen, Kalorien, Verheimlichung des Hungerzustandes und des exzessiven Bewegungsdranges. Die Folge chronischer Unterernährung kann zu endokrinologischen Störungen, Herzproblemen,  Zahnschädigungen und dem Ausbleiben der Monatsblutung kommen, zu depressiven Symptomen mit starker kognitiver Beeinträchtigung.  

Trotz dieser ernsthaften Beeinträchtigungen, fehlt den Kranken jegliche Krankheitseinsicht. Ich habe PatientInnen gesehen, die so schwach waren, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnten, deren Zehen und Finger blau gefroren waren, weil sie bei Minustemperaturen mit zu wenig Kleidung (durch Frieren werden Kalorien verbrannt)  ihr Laufprogramm absolvieren mussten, und die immer noch der Meinung waren, mit ihnen sei alles in Ordnung. Dabei sind die PatientInnen vom Wesen her fast immer überdurchschnittlich intelligent und oft künstlerisch sehr begabt.

Bulimia nervosa

Die erkrankten Personen leiden an zwanghaftem Erbrechen. Das selbst herbeigeführte Erbrechen wird in der Regel  völlig heimlich gelebt und ist mit großen Schamgefühlen verbunden. Die Kranken haben keine andere Möglichkeit des Spannungsabbaues für sich gefunden. Das Erbrechen wird zu einer festen Gewohnheit, manche Patienten berichten, dass  sie sich auf diese Weise einen "Kick" verschaffen. Das Gewicht liegt meist im normalen Bereich und die Betroffenen empfinden im Gegensatz zur Anorexia nervosa ein Krankheitsgefühl. Anorexie kann mit bulimischen Verhaltensweisen einhergehen. Durch das Erbrechen soll in diesem Fall aber die Kalorienaufnahme verhindert werden.

Binge-eating-Störung 

Bei dieser Störung treten sogenannten “Essanfälle oder Heißhungerattacken” zwanghaft auf und sind nicht kontrollierbar. Man spricht von einer Impulsstörung. Hinterher können es die Betroffen nicht fassen, wie viel sie gesgessen haben und empfinden starke Scham- und Versagensgefühle. Die Betroffen sind oft übergewichtig, da sie keine ernsthaften Gegenmaßnahmen gegen die Gewichtszunahme ergreifen.

Aus dem Leben von Frau H., die an Magersucht leidet:

Frau H. ist 24 Jahre alt, 175cm groß und wiegt 48 kg. Der errechnete BMI (Body mass Index) beträgt 15,7 kg/m2. Damit befindet sich Frau H. unter der Anorexiegrenze (17,5kg/m2 ). Anderes gesagt, ist sie in gesundheitsgefährtendem Ausmaß untergewichtig. Ein normaler Wert würde zwischen einem BMI von 21-26 kg/m2 liegen. Um einen Wert im normalen Gewichtsbereich zu erreichen, müßte Frau H. zumindest 58 kg wiegen. Trotz der niedrigen Außenemperaturen trägt Frau H. sommerliche Kleidung, die eng am Körper anliegt und ihren knochigen abgemagerten Körper betont.  Sie strahlt dadurch einerseits große Bedürftigkeit aus, erregt andererseits aber Unwillen, ob dieser Unvernunft. Dahinter steht der in der Regel unbewußte Wunsch nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, da es ihr nicht möglich ist, dies auf eine gesunde Art und Weise zu erreichen. Eine Bemerkung wie : ”heute schaust Du wohler aus, hast Du zugenommen?” kann Frau H. in eine schwere Krise stürzen, deren Folge tagelanges Fasten und Joggen ist.

Frau H. hatte sehr gute Noten, ist musikbegabt und spricht drei Sprachen. Sozial lebt sie sehr zurückgezogen. Sie geht nicht mit ihren Freundinnen zum Essen aus, weil sie nicht weiß, wie sie sich rechtfertigen soll, wenn sie jedesmal Salat oder Joghurt und Mineralwasser bestellt. In einem Restaurant, das sie öfters besuchte, hatte der Kellner sie gefragt, ob sie magenkrank sei. Auch Familienfeiern, bei denen groß aufgetischt wird, sind ihr verhasst. Wenn sie ihr geplantes Bewegungsprogramm nicht einhalten kann, wird sie unruhig und bekommt Schuldgefühle.  Sie kann sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren, da sie unter Schwächeanfällen leidet. Jede noch so geringe Gewichtsschwankung nach oben ist eine Katastrophe. Aus diesem Grund hat Frau H. ihre Waage entsorgt und wenn sie meint, zugenommen zu haben, fastet sie die nächsten Tage eisern. Emotional verschafft es ihr ein Hoch, wenn sie einen Tag kaum etwas gegessen hat. Es ist ihr unwichtig, ob sie Spass mit Freunden hat, ihr im Job etwas gut gelingt. Ihren Wert, ihre Leistung, definiert Frau H. darüber, sich Essen zu versagen.

Behandlung des Krankheitsbildes

Naturgemäß macht die fehlende Krankheitseinsicht eine Behandlung schwierig. Im Gegenteil fühlen sich die Erkrankten anderen mitunter überlegen - schließlich gelingt es niemandem in ihrer Umgebung, sich dem vitalen Trieb der Nahrungsaufnahme so "erfolgreich" zu widersetzen, wie ihnen. Es ist daher mühsam, sie für eine Änderung ihres Verhaltens (in der Hauptsache mehr zu essen und sich weniger zu bewegen) zu motivieren. In schweren chronischen Fällen wird ihnen damit ihr Lebensinhalt genommen. Dazu kommen vielfache Komorbiditäten wie Depression, selbstschädigendes Verhalten (Ritzen, Kratzen, Schneiden, Haare ausreißen).  Der Kampf gegen den eigenen Körper, mit seinen Bedürfnissen nach Nahrung, Nähe und Sexualität, ist anstrengend. Mit den Jahren kommt es zu Frustration und in der Folge zu aggressiven Verhaltensweisen, die sowohl offen, als auch subtil ausgelebt werden können.

Je früher sich jemand in Behandlung begibt, desto besser sind die Aussichten auf Überwindung der Erkrankung, da sich die krankhafte Lebensweise noch nicht verfestigen konnte. In der Therapie muss der hinter der Erkrankung liegende Grundkonflikt bewußt gemacht werden. Man ging lange Zeit davon aus, dass es sich bei der Familie von an Anorexie Erkrankten um ein pathologisches Gefüge handle. Heute wird dies etwas differenzierter betrachtet (vgl. Genetische Aspekte der Essstörung, in: H.Frieling, S. Bleich, A. Hinney, Handbuch: Essstörung und Adipositas. Springer 2015). Die Frage ist vielmehr: was fehlt den Betroffenen, was möchten sie bekommen und wie können sie es erreichen? Wie können sie mehr Freude und Genuss in ihr Leben bekommen und unbeschwerter werden? Wenn es gelingt, die Betroffenen für diese Fragen zu interessieren, sind die Chancen, diese schwere Erkrankung zu überwinden, sehr gut. 

Literatur dazu: Zipfel, S. Wild, B. Groß, G. et al. (2013) Focal psychodynamic therapie, cognitive behaviour therapy and optimised treatment as usual in outpatients with anorexia nervorsa (ANTOP study): rnadomised controlles trial. 


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